Cornix - world auf misery
no search
Rezepte |
Blogverzeichnis |
SMS Ticker |
Abkürzungen |
Datenrettung |
Counter |
| Autor |
Nachricht |
Amerilion
Prinz der Poeten


Anmeldungsdatum: 21.07.2005
Beiträge: 4254
Wohnort: Im Schneckenhaus
|
Verfasst am:
14.11.2006, 20:43 |
  |
Langsam fällt die Tür hinter mir ins Schloß, die Krankenhausgeräusche verstummen. In meiner linken Hand halte ich eine Tasche. Ich gehe wie in Trance die Stufen zur Straße hinab. Vor zwei Jahrzehnten hatte man dies damals so moderne Spital an den Rand der Stadt gebaut, im grünen und doch nah dabei. Inzwischen war die Stadt gewachsen, ich trat auf eine graue Straße, der Lärm der Hauptstraße einen Häuserblock weiter war bis hier zu hören.
Ich fühle das Gewicht der Tasche mit deinen Sachen. Die Oberschwester hat ihn mir gegeben. Typische Berufskrankheit im Krankenhaus - man stumpft ab. Du lebst noch. Aber die Ärzte haben mir und dir zu verstehen gegeben das es kaum eine Chance gibst das du die kommende Operation überstehst. Wenn sie erfolgreich sein würde wärst du geheilt, aber dein Körper ist schon zu schwach. Ohne diese OP würdest du vielleicht noch einige Wochen, vielleicht sogar Monate leben. Aber du willst diese OP. Du willst den Leben eine Chance geben, und die Ärzte meinten das sie die OP nicht mehr verschieben können, da dein Körper immer mehr an Substanz verliert.
Ich gehe an der Front des großen Gebäudes entlang in Richtung Parkplatz. Dort angekommen öffne ich den Kofferraum des Wagens, lege deine Tasche hinein. Mir kommt es vor als hätte ich dich damit begraben, dich schon verabschiedet und dein Leben weggepackt. Beim schließen der Kofferraumklappe blicke ich hinauf in den grauen Himmel. Es nieselt leicht, der Herbst hatte den Sommer unmerklich abgelöst und nun erschreckten die Vorboten des Winters umso mehr.
Du hast dies Wetter immer gemocht. Eigentlich mochtest du jedes Wetter, außer dieses Wetter wo ein der Schneematsch in die Schuhe läuft. Dennoch, du hast dein Leben geliebt. Das hat mich immer so an dir fasziniert. Du meintest immer ich wäre dein starker Beschützer. Doch das war gelogen. Ich war nur so stark weil deine Kraft mir Kraft gegeben hat. Ich sah einst keinen Sinn, bevor ich dich kennenlernte. Ich habe mir so fest vorgenommen dich immer zu beschützen, denn dein leichtes Leben ging auch mit einer gewissen Naivität den Menschen gegenüber Hand in Hand.
Doch nun war ich machtlos. Deine Krankheit schlich sich wie ein Dieb in unser kleines Paradies. Doch du bleibst stark. Die winzige Möglichkeit der Heilung willst du ergreifen, auch wenn du weißt das das nun vielleicht dein letzter Tag ist. Ich bin hilflos. Wie soll es weitergehen? Was soll ich tun, ich ertrag es kaum dich so zu sehen, geschwächt in diesen weißen Krankenhausleinen, deine Stimme selbst in ihrer Gebrechlichkeit so unendlich zart und sanft, früher nannte ich sie immer niedlich. Heute trau ich mich nicht dir das zu sagen, die Worte kommen einfach nicht über meine Lippen auch wenn ich genau weiß das sie dir vielleicht sogar helfen würden.
Am liebsten würde ich wegrennen, wieder in mein Paradies, dich beschützen. Ich würde am liebsten alles tun was wir bisher verpasst haben, würde alles geben um mehr Zeit mit dir zu verbringen, würde notfalls sogar mein Leben geben damit wenigstens du noch Zeit auf Erden hast um mit den Samen im Wind zu fliegen, den Sonnenstrahlen zu spielen, dich an Schmetterlingen zu erfreuen.
Innerlich spüre ich noch das du lebst, ich bemerke es. Langsam geh ich zum Haupteingang zurück. Ich weiß nicht ob ich es überleben würde dich nicht mehr zu spüren. Ob ich diese leere die du hinterlassen würdest ertragen könnte. Der Oberarzt kommt mir vor deinem Zimmer entgegen. Er spricht leise, so das du nichts hörst. Ich spreche gar nicht, nicke nur ab und zu wie in Trance. Er erklärt mir das der Eingriff sehr sicher nicht erfolgreich sein wird. Ob ich nicht nochmal mit dir reden wolle, dich davon überzeugen wolle das es besser sei den Eingriff nicht zu machen, zu schaun wie sich die Krankheit entwickelt. In mein Kopf übersetz ich seine für einen Arzt überraschen einfühlsamen Worte in harte, mich zerstörenende Fakten. Du wirst den Eingriff nicht überleben. Aber auch danach gäbe es keine Hoffnung, dein Leben würde zwar länger sein aber dein Leiden ebenfalls.
Ich sacke innerlich zusammen. Sterbe. Meine Hülle betritt dein Krankenzimmer. Auf den Nachttisch stehen Blumen. Du lächelst mich an. Meine Hülle lächelt zurück. Meine traurigen Augen kann ich jedoch nicht verstecken, und dein besorgter Blick sagt mir das auch du weißt das ich ab morgen alleine sein werde. Dennoch bleibst du unendlich stark. An deinen letzten Tag.
(Inspiriert von Bela B. - Letzter Tag) |
_________________
My Hope is on the horizon
Every face, it's your eyes i can see
I plead, i pray through each night & day
Our Embrace is only a dream.
Queens Of The Stone Age - This Lullaby
|
|
      |
 |
Cinnamon
Schreiberling


Anmeldungsdatum: 09.02.2007
Beiträge: 17
Wohnort: Rheinstetten
|
Verfasst am:
16.02.2007, 11:24 |
  |
Ich finde das so... fast möchte ich "schön" schreiben. Gefühlvoll und unendlich traurig, genau die Art von Geschichten, für die ich eine besondere Vorliebe habe.
Ich mag auch diese "Du-Perspektive" (keine Ahnung wie genau ich es nennen soll). Dieses Kommentierende und Analysierende, die Beschreibungen. Und daneben die Gefühlen und Gedanken des Ich-Erzählers.
Fast bedauere ich es, dass das Ganze eine Kurzgeschichte ist, für die es keine Fortsetzung gibt. Andererseits darf man einer so wunderbaren Geschichte nicht die Bedeutung nehmen, indem man sie in einen größeren Zusammenhang stellt. Aber: solltest du wieder einmal in der Stimmung sein, eine derartige Geschichte zu schreiben, kannst du dir sicher sein, einen Leser dafür zu haben. |
|
|
    |
 |
|
|
|
Nächstes Thema anzeigen
Vorheriges Thema anzeigen
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben. Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten. Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten. Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen. Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.
|
| |